Monatsarchiv: Februar 2021

Der Radl-Fan

Als Markus Büchler (47) das erste Mal vor dem Plenarsaal des Bayerischen Landtags stand, wusste er gleich: „Da will ich mal hin.“ Damals war er 20 Jahre alt und hatte gerade sein Abitur in der Tasche. Nur wenige Tage zuvor hatte er den legendären Grünen Sepp Daxenberger bei einem Jugendtreffen auf dessen Bio-Bauernhof nach einem Praktikum gefragt. „Eigentlich nach einem auf dem Hof, weil mich die Bio-Landwirtschaft interessierte“, erzählt Büchler. Der 2010 verstorbene Grünen-Politiker aber antwortete: „Ja, dann kommst halt am Montag um acht Uhr in mein Landtagsbüro.“ Büchler kam und schwärmt noch heute: „Ein absolutes Aha-Erlebnis.“

Seit 2018 sitzt Büchler tatsächlich im Landtag. Heute ist er es, der junge Leute für Praktika holt – in der Hoffnung, dass sie die Arbeit im Maximilianeum genauso begeistert wie einst ihn. Auch seinen eigenen Enthusiasmus hat sich Büchler erhalten. Vor allem, wenn es um verkehrspolitische Themen geht. Der Oberschleißheimer ist bei den Grünen für das Thema Mobilität zuständig. Und kaum einer in der Fraktion hänge sich in die Arbeit so rein wie er, sagt ein Kollege.

Büchler, leidenschaftlicher Bergsteiger und Radfahrer, hatte noch nie ein Auto. Für die knapp 18 Kilometer von Oberschleißheim in den Landtag legte er sich extra ein E-Bike zu – damit er zu den Terminen dort nicht so verschwitzt ankommt. Büchler kämpft für attraktive Alternativen zum Auto. Für eine bessere Radinfrastruktur, den Ausbau von Bus und Bahn und eine Siedlungsentwicklung mit Köpfchen – nach dem Prinzip „Stadt der kurzen Wege“. Auch Menschen, die nicht aufs Auto verzichten können, würden von einer Verkehrswende nach seinem Ideal profitieren, meint Büchler. „Sie hätten freie Fahrt und würden nicht wutschnaubend auf die Grünen schimpfend in verstopften Straßen stecken.“ Ein Positiv-Beispiel für Büchler: Wien. Dort habe man den Autoverkehrsanteil in den vergangenen 20 Jahren nahezu halbiert, erklärt er. Mit hohen Investitionen in den ÖPNV und günstigen Tickets. Parkmöglichkeiten indes wurden weniger und teurer.

Er spricht Russisch – und war zwei Mal in Tschernobyl

In die Verkehrspolitik hat sich Büchler in den vergangenen Jahren richtig „reingegraben“, wie er sagt. „Es ist einfach mein Herzensthema.“ Schon während des Ingenieurstudiums im Fachgebiet Landschaftsarchitektur beschäftigte Büchler sich mit Verkehrs- und Raumplanung. So richtig aber fing er 2005 als freier Mitarbeiter des Grünen Anton Hofreiter Feuer. Der leitete damals den Verkehrsausschuss im Bundestag. „Außerdem sind im Landkreis München verkehrspolitische Themen immer virulent“, sagt Büchler, der seit 2014 auch im Kreistag sitzt. Er selbst habe alle Facetten des Verkehrs vor der eigenen Haustür. Büchler wohnt mit seiner Familie zwar in einem Haus mit Garten und Blick aufs Schloss Schleißheim. Allerdings steht es direkt in der Flughafeneinflugschneise und an der stark befahrenen Bundesstraße 471.

Büchler ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Tochter ist 21, der Sohn 16 Jahre alt. Als seine Frau noch im Pharmaziestudium das erste Mal schwanger wurde, blieb Büchler daheim beim Kind. 1998 machte er sich mit einer Firma für Webdesign selbstständig und arbeitete dann von zu Hause aus. „Eigentlich war das als Übergangslösung für zwei, drei Jahre gedacht“, sagt Büchler. Aber es lief so gut, dass die Familie die damals noch äußerst unkonventionelle Aufteilung beibehielt: Die Ehefrau arbeitete in der Apotheke, Büchler als Webdesigner und Programmierer zu Hause.

Seine Internet-Expertise zahlt sich für Büchler auch jetzt in der Corona-Krise aus. Videokonferenzen und Webinare waren für ihn schon vor der Pandemie selbstverständlich. Büchler ist seit 2015 Chef der oberbayerischen Grünen, die zuletzt stark an Mitgliedern und Mandatsträgern zugelegt haben. Seit 2019 können die neuen Leute auch in Online-Seminaren das politische Handwerkszeug lernen. „Weil es einfach praktisch ist, wenn Leute nicht von Aschaffenburg nach München fahren müssen.“

Büchler selbst trat 1991 – mit 18 Jahren – bei den Grünen ein. „Schon in der Schule hat mich Politik total begeistert“, sagt er. Im Wahlfach Politik und Zeitgeschichte diskutierten sich die Jugendlichen damals ganze Nachmittage lang die Köpfe heiß. Über die Vorkommnisse in der DDR. Aber auch über Umweltthemen. „Der Reaktorunfall in Tschernobyl ein paar Jahre zuvor hat mich extrem umgetrieben“, sagt Büchler. Sogar Russisch lernte er, weil ihn der Wandel im Ostblock interessierte. „Es herrschte Kalter Krieg und man wusste über den Osten nichts – außer, dass er böse ist“, sagt Büchler. Aber schon sein Opa habe ihn immer wieder aufgefordert: Schau dir beide Seiten an. Als der Großvater im Zweiten Weltkrieg im Russlandfeldzug verwundet und von seiner Truppe getrennt worden war, pflegten ihn russische Bauern gesund – „ihn, den Kriegsgegner“, betont Büchler.

Früher war er mal Punk – das merkt man heute nicht mehr

Russisch spricht Büchler heute ziemlich gut, oft schon hat er das Land bereist. Er war auch in Tschernobyl, das letzte Mal 2010. Dort sprach er mit Zeitzeugen, fotografierte und tingelte anschließend mit einer Vortragsreihe durch Bayern. „Damals gab es gerade die Diskussion um eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke, und ich wollte die Gefährlichkeit dieser Technologie wieder ins Bewusstsein rücken“, sagt Büchler. Dann kam 2011 Fukushima – und der Beschluss zum Atomausstieg. Noch im selben Jahr reiste Büchler nach Japan und wiederholte den Besuch 2013, um die grüne Partei in Fukushima vor Ort zu unterstützen.

Büchler arbeitete bei den Grünen lange Zeit im Hintergrund, „die Parteiarbeit macht mir Spaß“, sagt er. Er gründete die Jugendkontaktstelle Oberbayern, Vorläufer der Grünen Jugend Bayern. Ab 1999 war er nebenberuflich für die damalige Landtagsabgeordnete Susanna Tausendfreund tätig, später für Hofreiter im Bundestag. Acht Jahre lang war Büchler Sprecher des Kreisverbands Landkreis München, bis er 2014 als Kreis- und Gemeinderat erstmals Mandate übernahm.

Bereits 2013 trat er mit guten Aussichten bei der Landtagswahl an – und scheiterte am Ende gemeinsam mit seiner Partei an der Veggieday- und Pädophilie-Debatte. „Ich war in den Startlöchern und bereit für die hauptamtliche Politik“, sagt Büchler, der sich nach der verlorenen Wahl deshalb dachte: „Landesvorsitz kann ich auch.“ Büchler verlor auch diese Wahl – äußerst knapp gegen den viel bekannteren Eike Hallitzky. Die beiden verstanden sich so gut, dass manche damals über die „Kuschel-Kämpfer“ spotteten.

Büchler kann zwar kantig sein, ein Ellbogentyp ist er nicht. Statt rumzupöbeln, punktet er mit Fachwissen, Kollegialität und Seriosität. „Er ist keiner, der mal schnell was raushaut“, heißt es in der Fraktion. „Was er macht, hat immer Hand und Fuß.“

Den Punk, der Büchler einst als Jugendlicher war, merkt man ihm tatsächlich heute nicht mehr an. Auf Punk-Konzerte geht er aber nach wie vor gerne. „Sie sind für mich eine große Kraftquelle“, sagt er. „Dass das derzeit nicht geht, zerrt schon sehr an meinen Nerven.“
(Angelika Kahl)

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